Vollkommenes Vertrauen lernen

Yoshua Gote
Yoshua Gote

 Yoshua Gote im Gespräch mit der freien Journalistin Simone Kuhnt.

Das Gespräch entstand telefonisch im Juli 2020 für diese Homepage.

Simone und Yoshua kannten sich vorher nicht,

was auch die Idee hinter dem Gespräch war:

 "Wie kann seine Arbeit Menschen vermittelt werden,

die ihn und seine therapeutischen Ansätze noch gar nicht kennen?”

 

(Die Anmerkung ist von Susan Waldow, die das Gespräch vermittelt hat.)

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Simone Kuhnt
Simone Kuhnt

Yoshua, warum beginnen Menschen bei Dir eine Therapie und was passiert dann weiter?

 

Ein Hindernis taucht auf und wirft mich völlig aus der Bahn. Ich weiß nicht mehr weiter. Das ist der Punkt, an dem viele Menschen entscheiden, eine Therapie zu beginnen. Bei mir in der Praxis klären wir zuerst, warum der Klient/die Klientin kommt und was sie sich erhofft.  Wir schauen uns das Hindernis in Ruhe an, bauen eine Beziehung zu ihm auf, fördern das Verständnis. 

Wenn eine Klientin zum Beispiel in ihrem Leben immer wieder große Traurigkeit und Einsamkeit verspürt, schauen wir, wann und wo hat das begonnen? Die Klientin macht sich diesen Punkt bewusst. Sie begegnet ihrem Schmerz und ihrem Gefühl der Verlassenheit und versteht, wie sich diese Erfahrung immer wieder in ihrem Leben wiederholte. Was sie früher unbewusst erlebte, ist ihr jetzt bewusst. Als Erwachsene kann sie lernen, sich selbst Geborgenheit und Heimat zu geben. Dann kann sie auch in eine gesunde Beziehung zu anderen Menschen gehen. Hier kommt das Transpersonale ins Spiel.


Was bedeutet „transpersonal“?


Transpersonal heißt, dass es in mir eine Instanz gibt, die mich beheimatet. Wir Menschen haben einen irdischen Ursprung – und einen geistigen Ursprung, eine Verbindung zum Wesentlichen, das vollkommene Vertrauen. Die Menschen nennen es Gott oder Religion. Physisch erlebbar ist es der Atem. Der Atem ist etwas, was transpersonal immer da ist. Auf der geistigen Ebene kann ich das Transpersonale nicht beweisen. Allerdings haben Physiker vor einiger Zeit herausgefunden, dass es keine Materie gibt, sondern nur Beziehungen.

 

Das Transpersonale ist das, was über die Person hinaus geht, durch die Person hindurch scheint.  Ich muss die Person in das Transpersonale integrieren. Einerseits wollen wir als Menschen in unserem konkreten Umfeld gut zurechtkommen. Andererseits brauchen wir die Anbindung zum vollkommenen Vertrauen.

 

 

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Der Tod ist ein verheerender Gedanke im weltlichen Geist, der alles trennt und zerstört ... DAS LICHT wiederum ... als EIN GEDANKE des URVERTRAUENS ... kann ihn transzendieren, wenn ich mich mit IHM verbinde ...  

Petra Seifert / Modul "Verbindung mit dem Wesentlichen" 



Vollkommenes Vertrauen: Wie geht das?


Zuerst geht es um die Bewusstwerdung. Das Freilegen von Unbewusstem kann zuweilen schmerzhaft sein. Es löst manchmal Unruhe aus, eine Art Erstverschlimmerung. Ich hole etwas in Bewusstsein, was ich verdrängt hatte. Das tut weh. Gleichzeitig wird man „wachgeküsst“, was befreiend wirkt. Aus dieser Befreiung heraus wächst das Vertrauen.


Wie gestaltet es sich, wenn Du eine Klientin/einen Klienten therapeutisch begleitest?


Ich bin Kunsttherapeut und Psychodramatiker und arbeite vor allem mit Gruppen. Ich lasse als Kunsttherapeut die Teilnehmer malen, um danach gemeinsam die Bilder zu besprechen.  In der Einzelarbeit ist es so, dass die Klienten Bilder mitbringen und wir zu zweit darüber sprechen. Auch die Gesprächstherapie hat hierbei einen wichtigen Anteil.


Warum kann es sinnvoll sein, selbst gemalte Bilder in die Therapie einzubeziehen?


In den Bildern sind Worte drin, die man noch nicht hören kann. Wir malen mit drei Bewusstseinsschichten, nur eine davon ist uns bewusst. Man sagt, nur 20 Prozent eines Bildes malen wir bewusst, der Rest kommt aus dem unteren und höheren Unbewussten. Ich beziehe in meiner Arbeit alle drei Bewusstseinsebenen ein.  Zuerst betrachten wir das ganze Bild. Manchmal kristallisiert sich dann ein bestimmter Ausschnitt heraus, mit dem sich der Klient/die Klientin besonders wohlfühlt. Damit arbeiten wir dann weiter. So kann der gewählte Ausschnitt ein Impuls für ein neues Bild sein. Es kann sein, dass es dabei um etwas Gutes, Positives geht. Es kann aber auch sein, dass ein verdrängter Ärger zum Vorschein kommt. Im Zweiergespräch tauschen wir uns darüber aus.


Wie lange dauert eine Therapie?


Bei mir entscheiden die Klienten immer selbst, wie weit es geht. Der Klient weiß selber, wann es reicht. Deshalb mache ich auch keine Vorgaben, wie oft oder in welchem Rhythmus die Klienten kommen sollen.


Eine weitere Methode, mit der du arbeitest, ist das Psychodrama. Was versteht man darunter?


Das Psychodrama ist die szenische Darstellung konfliktbeladener Situationen in einem geschützten Raum. Begründer der Methode ist der jüdische Wiener Arzt, Psychiater, Soziologe und Philosoph Jakob L. Moreno, der ein Vorreiter der Gruppenpsychotherapie war. Der Klient gibt den anderen Teilnehmern der Gruppe jeweils bestimmte Rollen, um die Personenkonstellation abzubilden, um die es ihm geht. Die Teilnehmer lassen sich also als Stellvertreter im Raum aufstellen. So wie Kinder „Vater, Mutter, Kind“ spielen und sich dabei kreativ Lösungen erspielen, können wir auch im Psychodrama Konflikte darstellen und mit verschiedenen Positionen im Raum, mit Gesten und Sätzen experimentieren. Die Stellvertreter haben Wahrnehmungen, die sie den anderen mitteilen. So lernt der Klient die Gedanken und Gefühle der anderen Personen im System kennen. Hierbei kommt es immer wieder zum Rollentausch, das heißt, der Protagonist schlüpft unter der Leitung des Therapeuten in einzelne andere Rollen. Der Rollentausch ist für mich ein sehr zentraler Moment im Bewusstwerden der eigenen Person und dem, was sie denkt.

 

Bei einem Einzeltermin ist das das Psychodrama eine innere Betrachtung, ein Mich-besser-kennen-lernen. Oft nehmen wir dabei Symbole zu Hilfe. Der Klient/die Klientin stellt Gegenstände, die für ein bestimmtes Gefühl oder eine bestimmte Person stehen, im Raum so auf, wie es ihrer Wahrnehmung entspricht. Dabei erinnern wir uns auch an das innere Kind, eine kreative Kraft, ohne die wir als Erwachsene nicht recht weit kommen würden.


Warum und wie bist Du Therapeut geworden?


Ich wollte nie Therapeut werden. Aber es gab eine Initialzündung vor 40 Jahren. Damals war ich 28 Jahre alt und drehte völlig ab. Meine Frau hatte mich unerwartet verlassen, das brachte meine Welt ins Wanken. Zwei Wochen lang war ich völlig verwirrt. Meine Wahrnehmung hat sich verschoben, ich konnte die Sachen nicht mehr gut zuordnen. Nach außen fiel das nicht auf, weil ich sehr still war. Innerlich erlebte ich abwechselnd den Wahnsinn und strahlendes, helles Licht. Von Angst getrieben lief ich durch Hamburg, bis es einen Moment gab, in dem ich plötzlich stehen blieb, innehielt, still wurde. Dann erlebte ich in mir eine unsagbare Weite und ein Aufgehobensein in dieser Weite. Obwohl ich die Geräusche außerhalb meines Körpers noch wahrnahm, war es in mir und in meinem Geist wunderbar still.

 

Ich weiß nicht, wie lange ich so unter dem Baum stand. Vielleicht waren es auch nur fünf Minuten, doch wurde ich danach ruhiger. Tage später kam ich wieder in den normalen Alltag wieder zurück.

 

Heute weiß ich, dass es da eine höhere Instanz gibt, die mich davor schützte, weiter in die Verwirrung zu gehen. Damals aber war ich weiterhin auf der Suche. Zu diesem Zeitpunkt, mit Ende 20, hatte ich schon zehn Jahre als Krankenpfleger gearbeitet, ein Job, den ich nicht liebte, der mir aber aus der Drogensucht meiner Jugend geholfen hatte – und jetzt ein weiteres Mal sehr hilfreich wurde. Denn mein Wissen und meine Erfahrung als Krankenpfleger nutzte ich nun, um mich in den Bürgerkriegszonen Nicaraguas einzubringen. Vier Jahre arbeitete ich dort an verschiedenen Stellen. Die Menschen hatten sich eben von der Diktatur in ihrem Land befreit, ich wollte sie unterstützen. Danach entschied ich mich, zurück nach Deutschland zu kommen, mich ernsthaft auf die Suche nach mir selbst zu begeben. Ich wollte herausfinden, was ich damals erlebt habe, als ich plötzlich mitten auf der Straße stehen blieb und innerlich ruhig wurde. Und ich wollte wissen, wie es zu der geistigen Verwirrung gekommen war, wie ich sie zuvor erlebt hatte.


Die Therapien ...  der Therapeut ... 

 

Zunächst begann ich mit einer Gesprächstherapie, in der ich mit Hilfe des Therapeuten einen Zugang zu mir und meinem mit Schuld beladenem Leben fand. Das Verständnis, das ich von meinem Gegenüber für mich als Mensch bekam, hinterließ einen sehr tiefen Eindruck in mir. Zu dieser Zeit schrieb ich gerne Gedichte, um einen Ausdruck für mein verwirrendes Leben zu finden. Über diese Gedichte sprachen wir immer wieder in der Therapie und ich erzählte ihm, dass ich mich nach dem Schreiben innerlich wohler fühlen würde. So entdeckte ich dann mit seiner Hilfe die sogenannten Kreativen Therapien und machte zwei Jahre nach Beginn meiner Gesprächstherapie die erste Weiterbildung in Biblio- und Poesietherapie – und schlug damit den Weg ein, selbst Therapeut zu werden. 

 

Mit ein wenig Mut habe ich dann die Ausbildung zum Kunsttherapeuten angefangen, denn ich konnte damals nicht malen und kann es auch heute noch nicht. Doch habe ich dadurch verstanden, dass es um das Nonverbale in den Bildern geht. Das will verstanden werden!

Während der Ausbildung zum Kunsttherapeuten lernte ich durch einen Dozenten auch das Psychodrama kennen. Seitdem bin ich fasziniert davon, weshalb ich auch in dieser psychotherapeutischen Methode eine Ausbildung absolvierte.

 

1994 begann ich zunächst in freier Praxis in kleinen Schritten meine therapeutische Arbeit. 2006 wechselte ich zur klinischen Arbeit über und war bis 2011 in der Heiligenfeld-Klinik in Bad Kissingen. In Bad Reichenhall habe ich dann mit meiner Frau zusammen eine Praxis gehabt, um dann Anfang 2015 wieder in einer Heiligenfeld-Klinik zu arbeiten, diesmal in Uffenheim. Durch meine klinische Arbeit habe ich sehr viel therapeutische Erfahrungen in sehr verdichteter Form gesammelt. Auch deshalb, weil die Heiligenfeld-Klinik als eine von ganz wenigen Kliniken stark auf die spirituelle Sichtweise baut. Hier fühle ich mich mit meinem transpersonalen Therapieansatz sehr gut aufgehoben. Die Patienten (bzw. meine Klienten in freier Praxis) hole ich dort ab, wo sie gerade stehen.


Was sollte man als Klient in die Therapie mitbringen?


Das Interesse an der eigenen Person ist der Motor.

Der Mensch muss wollen! Und die Entscheidung für dieses ... "Ich will wissen wer ich bin!" ... ist dabei ausschlaggebend.